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Gemeinsame Erklärung der Deutschen und der Polnischen Bischofskonferenz aus Anlass des 40. Jahrestages des Briefwechsels von 1965

I.

In Kürze jährt sich zum 40. Mal das Datum einer berühmt gewordenen Botschaft der polnischen Bischöfe. Sie luden ihre deutschen Mitbrüder aus Anlass der 1.000 Jahrfeier der Taufe des polnischen Herzogs Mieszko I. im Jahre 966 nach Polen ein und riefen sie, zwei Jahrzehnte nach den furchtbaren Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, zu Dialog, Versöhnung und Brüderlichkeit auf. Ihr bewegendes und geradezu prophetisches Wort hat Geschichte geschrieben: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung„. Die deutschen Bischöfe, wie ihre polnischen Mitbrüder zum Abschluss des II. Vatikanischen Konzils in Rom versammelt, antworteten wenige Tage später: „Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände. Der Gott des Friedens gewähre uns auf die Fürbitte der 'regina pacis', dass niemals wieder der Ungeist des Hasses unsere Hände trenne!„

II.

Vier Jahrzehnte danach und zugleich sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowie zehn Jahre nach Veröffentlichung des ersten Gemeinsamen Wortes beider Episkopate erinnern wir Bischöfe alle Menschen guten Willens in Polen und in Deutschland mit großer Dankbarkeit an diesen bahnbrechenden Briefwechsel. Mit ihm haben unsere Vorgänger in christlichem Geist einen entscheidenden Schritt zum Neuanfang in den gegenseitigen Beziehungen unserer Völker getan. Unter schwierigsten politischen Bedingungen haben sie einen wichtigen Grundstein für die deutsch-polnische Versöhnung gelegt.

Wir erinnern an diese mutige Tat nicht allein, um sie in ehrendem Gedenken zu halten. Vielmehr wollen wir unterstreichen, dass wir uns dem Anliegen der deutsch-polnischen Verständigung, Versöhnung und Freundschaft heute wie unsere Vorgänger damals verpflichtet wissen. Mit Sorge müssen wir seit einiger Zeit sehen, dass die Erinnerung an die finstersten Stunden unserer gemeinsamen Geschichte nicht nur den Geist der Versöhnung gebiert, sondern auch alte Wunden, die noch nicht geheilt sind, wieder aufreißt und den Ungeist des Aufrechnens hervorbringt. Manche Menschen in Politik und Gesellschaft rühren geradezu leichtfertig an den immer noch schmerzenden Wunden der Vergangenheit. Andere wollen sie offenkundig sogar rücksichtslos für persönliche oder politische Zwecke missbrauchen. Der 40. Jahrestag des Briefwechsels ist uns Anlass, solcher Verantwortungslosigkeit im gegenseitigen Verhältnis mit allem Nachdruck zu widersprechen. Das gilt auch dann, wenn diejenigen, die das tun, sich auf die Gerechtigkeit berufen. Vor einem falschen Verständnis der Gerechtigkeit hat Papst Johannes Paul II., der als Erzbischof von Krakau zu den Mitverfassern der Botschaft der polnischen Bischöfe gehörte, die ganze Kirche gewarnt: „Man kann (...) schwerlich darüber hinwegsehen, dass die Programme, die von der Idee der Gerechtigkeit ausgehen (...), in der Praxis oft arg entstellt werden. (...) Die Erfahrung der Vergangenheit und auch unserer Zeit lehrt, dass die Gerechtigkeit allein nicht genügt, ja, zur Verneinung und Vernichtung ihrer selbst führen kann, wenn nicht einer tieferen Kraft — der Liebe — die Möglichkeit geboten wird, das menschliche Leben in seinen verschiedenen Bereichen zu prägen„ (Enzyklika Dives in misericordia Ziff. 12).

Die Gabe der Versöhnung wird uns nur geschenkt, wenn wir uns ehrlich der ganzen Wahrheit stellen, Reue für die begangenen Verfehlungen empfinden und uns Vergebung gewährt wird. Wir rufen in diesem Zusammenhang das Gemeinsame Wort der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz vom Dezember 1995 in Erinnerung: „Nur die Wahrheit kann uns frei machen, die Wahrheit, die nichts hinzufügt und nichts weglässt, die nichts verschweigt und nichts aufrechnet„ (vgl. Joh. 8,32). In Anbetracht des verbrecherischen Angriffskriegs des nationalsozialistischen Deutschland, des tausendfachen Unrechts, das in der Folge den Menschen in Polen durch Deutsche zugefügt wurde, und des Unrechts, das vielen Deutschen durch Vertreibung und Verlust der Heimat angetan wurde, wiederholten wir in diesem Geiste gemeinsam die Worte von 1965: Wir vergeben und bitten um Vergebung. Nur wenn wir uns der ganzen Wahrheit stellen und gleichzeitig dem Geist der Aufrechnung abschwören, können wir einen selbstbezogenen Rückzug in die je eigene Sicht der Geschichte verhindern und Gegenwart und Zukunft für ein fruchtbares Miteinander öffnen. Aus dieser Haltung erwächst die Bereitschaft, unsere Geschichte und Gegenwart nicht nur mit den eigenen, sondern jeweils auch mit den Augen des Anderen zu sehen. Wir sind uns bewusst, dass mit diesem Weg weiterhin große Anstrengungen verbunden sind. Auf diesem Wege brauchen wir guten Willen und Aufrichtigkeit in den gegenseitigen Beziehungen. Denn nur durch den Geist der Versöhnung zwischen unseren Völkern kann der Friede Wurzeln schlagen, der allen Deutschen und Polen das ersehnte Gefühl von Sicherheit und Freundschaft bringen kann.

III.

Das mutige Zeugnis der christlichen Versöhnungsbotschaft von 1965 wirkte weit über die deutsch-polnischen Zusammenhänge hinaus. Indem die Bischöfe sich der furchtbaren Last der Kriegsverbrechen, des Unrechts und des Leids stellten und der in Christus gründenden Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit vertrauten, gelang es ihnen inmitten des noch fortdauernden Kalten Krieges, trennende Mauern in der Kraft des Glaubens zu überwinden und die Vision eines wieder zusammenwachsenden Europas aufscheinen zu lassen. Sie gaben Zeugnis von dessen geistigen Grundlagen, die Unrecht und Gewalt nicht dauerhaft verdunkeln konnten. Rückblickend auf die Ereignisse in Polen, vor allem auf die vor 25 Jahren entstandene unabhängige Bewegung Solidarność sowie die Entwicklung der Beziehungen zwischen unseren Völkern, verstehen wir heute besser, dass die Bischöfe mit ihrem Willen, Hass und Feindschaft zwischen Deutschen und Polen zu überwinden, auch einen Beitrag zur Überwindung der Unfreiheit und der Teilung des europäischen Kontinentes geleistet haben.

Vieles ist seitdem in beiden Ländern geschehen. Totalitäre Herrschaft und der Verlust der nationalen Eigenständigkeit konnten friedlich überwunden werden. Polen und Deutschland haben heute gemeinsam Teil an der fortschreitenden europäischen Integration. Unsere Völker legen damit beredtes Zeugnis davon ab, dass Krieg, Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben müssen. Nachdrücklich mahnen wir: Deutsche und Polen dürfen ihre geistigen und materiellen Kräfte niemals wieder gegeneinander richten; sie sind aufgerufen, sie zum Wohle aller in das zusammenwachsende Europa einzubringen und dessen christliche Identität zu stärken. Diese Aufgabe kann erfüllt werden, wenn Deutsche und Polen sich bewusst machen, dass sie auch viel Gutes in ihrer gemeinsamen Geschichte verbindet. Heute, da nach dem polnischen Papst ein Sohn des deutschen Volkes, Benedikt XVI., Nachfolger des hl. Petrus ist, erfahren unsere beiden Völker in besonderer Weise, wie groß und tief die Bande der Freundschaft und Zusammenarbeit sein können, wenn sie sich von dem Geiste Christi leiten lassen, dem Geist der Versöhnung und des Friedens. Diese Bande sollten besonders der Jugendseelsorge anempfohlen werden. Die Glaubenserfahrungen, die wir während des 20. Weltjugendtreffens in Köln erlebt haben, müssen zwischen jungen Polen und Deutschen weiterhin gepflegt werden. Daher regen die Bischöfe beider Länder besonders die Seelsorger und die Jugend dazu an, solche Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, die der Aufrechterhaltung des Geistes der gegenseitigen Zuneigung und Freundschaft dienen.

Als Christen stehen Polen und Deutsche angesichts neuer gesellschaftlicher Entwicklungen insbesondere im Hinblick auf den Schutz des Lebens, der Ehe und der Familie vor großen Herausforderungen. Gleiches gilt für neue Fragestellungen im Bereich der medizinischen Ethik, der zunehmend in egoistischer Weise ausgehöhlt und durch die Interessen von Wissenschaft und Wirtschaft bedroht wird. Gemeinsam sind wir demgegenüber gefordert, unseren Kontinent im christlichen Sinne auch für die künftigen Generationen als Lebensort zu gestalten, der die unveräußerliche Würde und die wahre Freiheit der Menschen achtet und gewährleistet. Mit diesem Einsatz für die Gestaltung Europas wollen wir auch zum Aufbau einer friedlicheren Welt beitragen. Dazu gehört auch, dass Europa sich glaubwürdig um ein zukunftsfähiges Verhältnis zu den Ländern des Südens und Ostens einsetzt.

In Dankbarkeit vor Gott, dem Herrn der Geschichte, der Polen und Deutschen das Geschenk der Versöhnung als ein Zeichen der Hoffnung für unsere Zeit anvertraut hat, ermutigen wir alle Gläubigen und Menschen guten Willens in unseren Ländern, die vor uns liegenden Herausforderungen zuversichtlich anzunehmen. Wie unsere Mitbrüder vor 40 Jahren vertrauen wir uns dabei der barmherzigen und liebenden Fürsprache der Mutter Gottes an.

 

Fulda, den 21. September 2005

 

 

Karl Kardinal LehmannErzbischof Józef Michalik
Vorsitzender der Deutschen Vorsitzender der Polnischen
Bischofskonferenz Bischofskonferenz

opr. mg/mg



 


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